#110 Schutzraum Sarg
Shownotes
Vertrautmachen - Schöne Aufbahrung - Zeit und Ruhe - Holz - Doris Dörrie/ Keiner liebt mich - Umhüllung - Mitgebrachter Bettbezug und Pinselstriche - Selbermachen und anpacken - Fassungslos - Ich brauche Zeit zum Begreifen - Zwei Welten - Ein geschlossenes System - Ungestörtheit - Königliche Einzigartigkeit - Den Schrecken verlieren - Wie Beziehungen verändert werden können - Thanatos-Bestattungen und Julian als Special Guest - Aufklärung - Ein spiritueller Raum
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00:00:00: Hüben
00:00:00: und Rüben, der Podcast für Sterbekultur- und Sterbehallkunde mit Franziska Hilmar und Claudia Cardinal.
00:00:10: Hallo, Claudia!
00:00:13: Wir haben ja letztes Mal über die Kiste gesprochen – über den Sarg.
00:00:18: Das war zum Schluss unserer Aufnahme ging es darum dass ich ja hin und wieder in deine Sterbeammenausbildung komme.
00:00:28: Und dort dann auch unter anderem Probe gelegen wird im Sack.
00:00:37: Das ist mir noch so nachgegangen, das macht mit uns was wenn wir eine Kiste überhaupt nur sehen.
00:00:47: also die Menschen, das fällt mir immer auf kriegen ja mitunter sogar fast Schnabatmung wenn sie überhaupt mal einen Sarg sehen ist, was in meinem Wagen ja relativ einfach ist.
00:00:59: Weil da meist keine Gardinen sind und man da offen hineinsehen kann.
00:01:06: Das ist eben etwas, was ein rares Bild ist heutzutage.
00:01:11: Man sieht es eben nicht mehr.
00:01:12: Und das ist aus unserem täglichen Leben komplett verschwunden.
00:01:17: Deswegen ist es mir auch so wichtig den zu präsentieren weil ich es wichtig finde, dass damit einhergehend eben auch der Tod die Möglichkeit unseres Todes, die Wahrscheinlichkeit unseres Todes, der irgendwann eintritt.
00:01:32: Auch in unser Bewusstsein rückt was ja sonst man vielleicht schaffen kann über viele viele viele Jahre gar nie dran zu denken.
00:01:42: Und dann ist mir noch aufgegangen, dass sich dieses Vertrautmachen mit dem Sarg häufig auch schon während einer Aufbarung geschieht.
00:01:52: Wenn nämlich diese Aufbarungen so schön sind wie ich es eben häufig oder eigentlich immer mache, das es da Blumen gibt und schöne Stoffe, der oder die Verstorbene In Schönheit eigentlich, in ihrem oder seinem Sack liegt.
00:02:18: Dass man auch diese Kiste dann eigentlich als etwas Schönes mit einbezieht und sich auch in dieser Zeit ja eben... Man schaut ja nicht nur für wenige Minuten da kurz mal drauf sondern man ist dann wünschenswerterweise richtig über Stunden wenn nicht sogar Über Tage, dass man eben wirklich diese ersten zwei drei Tage auch nutzt für eine Totenwache.
00:02:45: Immer wieder im Raum und empfindet diesen Sag dann eigentlich als etwas Richtiges.
00:02:54: also was etwas was was eigentlich sinnhaft ist.
00:02:59: denn das Sinnhafte dieser Kiste ist mitunter jetzt wenn wir dann noch ins technische Übergehen, einmal als Höhle die Voraussetzung für das Verbrennen eines Menschen.
00:03:11: Weil dieser sagt der Holzgeber ist damit wir überbrennen können.
00:03:16: unser Körper besteht ja zu glaube ich achtzig oder siebzig Prozent aus Wasser und in der Erde eben auch um eine Höhlle zu geben.
00:03:27: Ja, ich habe so nochmal daran gedacht als wir beim letzten Mal über Doris Dörrje gesprochen haben und den Sarg denen sie bei sich in dieser Wohnung im Hochhaus stehen hat.
00:03:39: Was du jetzt gesagt hast mit der Aufbauung damit wird ein Gegenstand zu etwas vertrautem.
00:03:46: Also ich habe das eben noch mal verglichen mit dem, was du als du es ausgeführt hast.
00:03:51: Mit dem wie ich als Kind und Jugendliche mein Verhältnis zu sagen gesehen hab und was ich heute für ein Verhältnis zu sagen habe.
00:04:01: also tatsächlich wirst Du gesagt dass das ist wie eine Umhüllung Wie ein Schutzraum Und das ist natürlich umso mehr wird eine Holzkiste einen Sarg Zu etwas Vertrautem.
00:04:15: Je mehr diejenigen, die mitbeteiligt sind an dem ganzen Abschiedsprozess, je mehr die daran selber machen können.
00:04:24: Jede Krabbeigabe, jedes selbstmitgebrachte Bettbezug, jedes Brieflein jeder Pinselstrich den du aufm Sarg gemacht hast macht den Vertrauter und lässt die Hemmung schmelzen.
00:04:44: Ja, was du von Doris Doreen gesagt hast, da musste ich auch dran denken.
00:04:48: Das war doch irgendwie so, ne?
00:04:49: Dass ihre Hauptdarstellerin den Sack zu Hause hat und sie liegt da immer wieder drin oder licht sich oder stellt sich...
00:04:56: Und zum Schluss begleitet sie einen sehr guten Freund zum Sterben.
00:05:02: Na ja!
00:05:04: Ich muss mir unbedingt noch mal angucken in dem Film.
00:05:06: Ganz wundernbarer Fan.
00:05:08: Ich vermute dass ich den noch gar nicht gesehen habe.
00:05:12: jedenfalls, was ich dachte ist wenn man sowieso sitzt jetzt zum Beispiel in Stille.
00:05:18: Es ist eigentlich vielleicht gar nicht so absurd das es ja wie eine Kammer ganz und gar verkleinert.
00:05:26: Das umgibt einen und lässt tatsächlich die Geräusche die äußeren Ja verschwinden und es minimiert sozusagen dass da sein ja in extremer Art und Weise dass unser Soßein noch mehr erlebt werden kann.
00:05:44: Du
00:05:44: hast das bei unserem letzten Gespräch, als wir darüber gesprochen haben, hast du das auch so benannt?
00:05:49: Als Meditationsort.
00:05:51: Genau und das meinte ich ja jetzt gerade.
00:05:52: also könnte man da hatte ich ja glaube ich gesagt, dass es bei mir hier naheliegend wäre weil diese schönen Särge hier auch stehen.
00:06:01: Dann machen wir Fotos.
00:06:02: ne
00:06:04: Ja!
00:06:04: Das selber machen, das ist eine ganz ganz ganz wichtige Sache.
00:06:08: meiner Meinung nach Das selber machen beginnt ja beim Schönmachen eines verstaubenden Menschen, dass man da mithilft.
00:06:18: Das ist einfach ... Weißt du es noch wirklich ganz deutlich wie das bei meiner Mutter war?
00:06:27: Wie ich meine Mutter gewaschen habe.
00:06:29: Das werde ich niemals vergessen!
00:06:32: Also nicht nur, dass ich da bemerkt hab, dass wir die gleichen Knie haben.
00:06:38: Vielleicht wusste ich's vorher schon.
00:06:39: Ich weiß es nicht.
00:06:40: aber in dieser Deutlichkeit Denn hinzu, das darf man nie vergessen kommt in einer solchen Situation der Ausnahmezustand.
00:06:50: In dem man ist.
00:06:52: Denen nenne ich diesen Ausnahmezustand, den nenne die Zeit der Fassungslosigkeit.
00:06:57: Weil du begreifst ja noch... Du kannst ja noch gar nicht begreifen was überhaupt passiert ist.
00:07:01: Genau!
00:07:01: Das es so ein einsteht und das ist Fassungslosigkeit pur.
00:07:05: Du bist eigentlich in einer Art Schockzustand?
00:07:09: Ja, ich nenne es deswegen Fassungslosigkeit.
00:07:11: Weil Schock ist schon wieder die Nächstform.
00:07:14: Das hat ja schon was Pathologisches.
00:07:16: Ja, Fassungslosigkeit ist eigentlich ganz schön.
00:07:18: man kann das nicht fassen.
00:07:20: Man kann es noch nicht fassen was da jetzt eigentlich eingetreten ist und deswegen hat sich mir zum Beispiel vielleicht die Tatsache dieser starken Gemeinsamkeit unserer Knie so tief eingeprägt.
00:07:39: Und das ist ja wirklich ... Das ist einen sich vertrautmachen mit der Situation, dass man eben zum Beispiel hilft diesen leibdesverstürmenden Menschen schön zu machen und bei Manchen ist es sogar so, dass die eigentlich nur ein bisschen fassungslos mit dem Waschlappen in der Hand dabei stehen.
00:08:06: kommt gar nicht so selten vor.
00:08:08: Dieses Um das begreifen zu können, ich finde es eigentlich so einen schönen Brauch... Ich glaube da waren wir schon mal als wir uns Thema Brauchtung gesprochen haben.
00:08:16: Das ist der Moment der Fassungswürdigkeit wo die Zeit stehen bleibt und wo die zeit stehen bleiben soll.
00:08:24: Damit ich in der stehengebliebenen Zeit die Möglichkeit habe Stück für Stück zu begreifen was überhaupt los gewesen.
00:08:34: Deswegen wurden früher die Uhren angehalten und manchmal sind sie ja von selber stehen geblieben.
00:08:39: Richtig!
00:08:39: Das haben wir schon gesprochen, das heißt diese Fassungslosigkeit braucht Raum und braucht Zeit.
00:08:46: Und so diese seltsamkeit wenn du eine Aufbarung stattfindet.
00:08:55: Das ist wie der Raum in dem die Aufbarungen stattfinden und die Außenwelt sind zwei verschiedene Planeten.
00:09:04: Nebenan kann ein Blumengeschäft sein oder die Drogerie, wo du irgendwas einkaufst und in dem Raum, wo die Aufbauung stattfindet.
00:09:12: Das ist ein In sich geschlossenes System.
00:09:20: Und das braucht eine Unstörbarkeit.
00:09:25: Das braucht einen Rahmen, wo es heißt hier darf jetzt das stattfinden wie auch im Kreißsaal machst du doch auch keinen Durchlaufbetrieb?
00:09:35: Genau und gleichzeitig, wenn du dann eben aus dem Raum wieder herausgehst wo die Aufbauung stattfindet ist es dann so schön zu sehen wie wunderbar das sein darf mitten in unserem Leben.
00:09:51: Und dass das so einen so einen herausragenden Platz bekommen.
00:10:00: ja dieser Verstorbene nämlich das finde ich auch so wichtig Wenn der da in seinem Nachthemd oder in seiner Wäsche irgendwie liegt, in der er gestorben ist.
00:10:13: Also die gebrauchte Nachtwäsche macht den Menschen ja häufig so etwas.
00:10:18: gesichtslos würde ich sagen also uns alle eigentlich ganz
00:10:22: besonders die Flügel händen
00:10:24: Ja die natürlich noch viel mehr richtig.
00:10:28: und wenn dann Dieses Schönmachen, sich vollzieht und dann so nach und nach die Kleidungsstücke angezogen werden.
00:10:35: Und dieses Schöne des Menschen mit all den Farben und Tüchern und nachher auch Blumen und all dem sozusagen wenn es dann irgendwann fertig ist, da sieht man wie so nach der Verstorbene wieder fast aufersteht nicht dass er... Nein!
00:10:52: Nicht falsch verstehen also nicht das sein lebendig wird sondern dass man das Königliche dieses einzigartigen Menschen dann sieht, dass er jemand war oder das sie jemand war.
00:11:09: Genau!
00:11:10: Und das ist ein für mich jedes Mal so großes Fazinum, dass ich wieder da stehe und ganz beeindruckt und zutiefst wirklich bewegt bin davon weil es ja auch ist.
00:11:25: von der anderen Seite Gehe ich davon aus, dass auch der verstorbene weil das ist meine Geste sozusagen und sich ihm zeige.
00:11:34: Das war dein Leib also das war hier.
00:11:37: damit bist du hier auf der Erde gewandelt ja und hast alle Höhen und Tiefen durch durchschritten deines Lebens.
00:11:44: Und hasst ihr diesen Leib sozusagen zu dem gemacht, was er hier jetzt heute ist im Laufe dieser vielen Jahre?
00:11:52: Und das zeige ich dir noch mal in aller Schönheit und auch der es dann nämlich begeistert also erfreut dass das fühlt man in dem Ganzen, dass da irgendwie noch mit dabei ist.
00:12:02: Es ist schon wirklich eine Bombsache das ganze.
00:12:07: Ein ganz wesentlicher Teil unserer Intention mit diesem Podcast, mit unseren Gesprächen.
00:12:13: Dass wir vielleicht dazu inspirieren dass Menschen in den Abschiedsprozessen nicht einfach vorbeilaufen sondern innehalten und ihnen dieses Wunder vielleicht sogar begegnen kann das einen Sarg sein Schrecken verlieren kann Und das tatsächlich die Gestaltung eines Abschiedes Ganz wesentlich etwas unterstützt, was die Beziehung zu den Verstorbenen und unsere Beziehungen zum Tod verändern kann.
00:12:47: Und vielleicht tatsächlich den Schrecken nehmen kann.
00:12:51: aber dazu müssen wir aktiv werden.
00:12:54: Genau!
00:12:56: Das ist ja das.
00:12:56: ich freue mich sehr auf dieses Gespräch mit Julian von Tannathaus.
00:12:59: Bestattung Da haben wir ja letzte Mal schon darüber gesprochen, was alles selbst gemacht werden kann und so weiter.
00:13:05: Und dass wir zusehen, dass wir das bei denjenigen, die uns zuhören mögen, dass sie handlungsfähig werden.
00:13:17: Denn das ist wichtig für ein Trauerprozess.
00:13:21: Genau!
00:13:22: Man hat nicht immer das Glück, dass man einen Bestatter hat der einem den Raum hält um das alles selbst tun zu können was man alles selbst tun kann und dass man da vielleicht sogar so weit kommt, das einzufordern.
00:13:38: Und es hat wesentlich etwas mit Aufklärung zu tun.
00:13:41: Das ist ja hintergrund, weshalb ich ja oft diesen Begriff nehme.
00:13:44: Geh doch bitte zu einem Bestattungshaus deines Vertrauens.
00:13:49: Und das bedeutet, dass du da deine Fragen stellen kannst erst diejenigen, die auch klare Auskunft geben.
00:13:58: Ich habe Bestattungshäuser erlebt, die Sachen von sich gegeben haben, wo ich sagen kann das war definitiv gelogen.
00:14:06: Wo es denn hieß du darfst keine eigene, also eigene Bettwäsche für einen Sack geht nicht.
00:14:11: Ein Bestattungsunternehmer zu mir gesagt und im Moment muss etwa das denn nicht mehr?
00:14:16: Das heißt der wollte seine Wäsche verkaufen.
00:14:20: Das ist jedenfalls kein Bestattungshaus meines Vertrauens, keinesfalls.
00:14:26: Und das ist etwas weshalb ich das so sehr schätze dass wir vielleicht sagen können was sind denn vielleicht Kriterien für ein gutes Bestattungshaus?
00:14:35: Dann
00:14:36: haben wir da schon mal eine ganze Folge mindestens eine zu gemacht.
00:14:40: Ja und wahrscheinlich kommen wir auch immer wieder darauf zurück.
00:14:44: Auf
00:14:44: jeden Fall.
00:14:44: Da
00:14:45: kommen wir immer wieder drauf zurück.
00:14:48: ja also schönes auf jeden fall.
00:14:50: wenn man Gerade in der heutigen Zeit, wo es auch die Kirche in der Form würde hätte ich jetzt fast gesagt nicht mehr gibt.
00:14:59: Das stimmt ja nicht.
00:15:00: Es sieht sehr durchaus aber für viele nicht mehr gebt.
00:15:05: da muss ich jetzt vielleicht von mir selbst sprechen dass diese Kombination aus Schatter sein und das pragmatische sozusagen zur Verfügung stellen und dass den Raum halten fürs mittun.
00:15:18: Und dann aber eben auch ein virtuellen Raum zu öffnen, das halte ich für ausgesprochen wichtig.
00:15:27: Deswegen ist es ja so, dass unsere Gespräche auch so sind, dass sie mir im Kopf bleiben.
00:15:35: Dann freuen wir uns aufs nächste Gespräch oder?
00:15:37: Unbedingt!
00:15:40: Schöne
00:15:40: Zeit!
00:15:43: Das war Hüben und Drüben,
00:15:45: der Podcast mit Franziska Hilmer und Claudia Kardinal.
00:15:50: Bis nächsten Sonntag!
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